Der neue Teamleiter sitzt am Ende seiner zweiten Woche im Büro und starrt auf eine Frage, die er niemandem stellen möchte. Ein erfahrener Agent unterläuft heimlich seine Entscheidungen, und der eigene Vorgesetzte erwartet vor allem Zahlen. Wen fragt er jetzt? Und genau hier fehlt in vielen Contact-Centern die einfachste Antwort: ein Mentor.
Führung ist am Anfang ein einsames Geschäft. Wer gerade vom Kollegen zum Vorgesetzten geworden ist oder von außen in ein fremdes Team kommt, kann seine Unsicherheiten weder nach unten noch nach oben offen zeigen. Diese Lücke füllt kein Handbuch und kein Einarbeitungsplan. Hier braucht es einen Menschen, der die Rolle kennt und kein Interesse an der Bewertung hat.
Mentoring ist weder Onboarding noch Coaching
Mentoring wird gern mit benachbarten Begriffen verwechselt, und die Unterschiede sind mehr als sprachlich.
Onboarding sorgt dafür, dass eine neue Führungskraft die Organisation, ihre Prozesse und ihr Team kennenlernt. Es ist zeitlich begrenzt und auf Orientierung ausgerichtet.
Coaching wiederum ist ein methodisch geführter Prozess, meist mit einer ausgebildeten externen Kraft, der an konkreten Verhaltenszielen arbeitet.
Mentoring liegt dazwischen und ist doch etwas Eigenes. Ein Mentor gibt weiter, was er selbst erlebt hat. Er ist erfahrene Führungskraft, nicht Trainer, und er begleitet nicht eine Aufgabe, sondern einen Menschen in einer neuen Rolle.
Der Mentor bewertet nicht. Er berichtet aus eigenen Fehlern, ordnet Situationen ein und stellt die Fragen, die der neuen Führungskraft selbst noch nicht in den Sinn kommen. Wer diese drei Dinge in einen Topf wirft, spart am falschen Ende und wundert sich später über Fluktuation auf der Führungsebene.
Warum gerade neue Führungskräfte diesen Rückhalt brauchen
Neue Führungskräfte stehen vom ersten Tag an unter Beobachtung. Das Team prüft, wie sie unter Druck reagiert und wie sie mit Konflikten umgeht. Zusätzlich fehlt der Erfahrungsschatz, um jede Situation richtig einzuordnen. Ein schwieriges Gespräch, eine unklare Zuständigkeit, ein erfahrener Mitarbeiter, der die neue Autorität testet: Was für den “alten Hasen” Alltag ist, kann für die neue Führungskraft eine Krise sein.
Im Contact-Center verschärft sich das noch. Teamleiter stehen unmittelbar im Zentrum des operativen Geschehens, oft mit sichtbaren Kennzahlen und wenig Rückzugsraum. Wer hier ohne Ansprechpartner bleibt, kompensiert die Unsicherheit häufig mit übertriebener Härte, oder mit Zurückhaltung. Ein Mentor fängt genau diese Ausschläge ab, bevor sie sich verfestigen.
Was ein guter Mentor tatsächlich leistet
Der Nutzen von Mentoring entsteht selten im großen Gespräch, sondern in vielen kleinen. Der Mentor ist der sichere Ort für die Fragen, die man dem eigenen Chef nicht stellen möchte. Wie sage ich meinem Vorgesetzten, dass die Ziele unrealistisch sind? War meine Reaktion vorhin angemessen oder überzogen? Solche Fragen brauchen ein vertrauensvolles, offenes Gegenüber mit Erfahrung und ohne Agenda.
Ein guter Mentor hört zuerst zu und liefert nicht sofort Lösungen. Er hilft der neuen Führungskraft, selbst auf Antworten zu kommen. Er teilt eigene Fehltritte, damit sich diese nicht wiederholen. Er ordnet ein, was normal ist und was ein echtes Warnsignal, und er nimmt der neuen Führungskraft den Druck, alles allein und sofort können zu müssen. Damit reduziert Mentoring nicht nur Unsicherheit, es beschleunigt auch das Lernen spürbar.
Wie das richtige Tandem entsteht
Damit Mentoring funktioniert, muss die Konstellation stimmen. Der Mentor sollte außerhalb der direkten Berichtslinie stehen. Die Trennung von Führung und Begleitung schafft den geschützten Raum, in dem ehrliche Fragen möglich sind.
Ebenso wichtig ist die Einstellung der Personen. Ein Mentor braucht nicht nur Erfahrung, sondern die Bereitschaft sich Zeit zu nehmen, zuzuhören und eigene Fehler zu teilen. Nicht jede erfahrene Führungskraft eignet sich dafür, und die fachlich stärkste ist nicht automatisch die menschlich passendste. Gefragt ist, wer sicher genug in der eigenen Rolle steht, um Schwächen zuzulassen, und wer bereit ist, regelmäßig Zeit zu geben.
Sinnvoll ist ein klarer Rahmen: regelmäßige Termine in den ersten Monaten, Vertraulichkeit als feste Verabredung und ein gemeinsames Verständnis, dass es um Entwicklung geht, nicht um Kontrolle. Ein Mentoring, das dem Zufall überlassen bleibt, versandet nach wenigen Wochen.
Woran Mentoring scheitert
Am häufigsten scheitert Mentoring daran, dass es nur auf dem Papier existiert. Ein Name wird zugeordnet, ein erstes Gespräch findet statt, und dann verschlingt das Tagesgeschäft die guten Absichten. Ohne feste Termine und ohne geschützte Zeit passiert nichts.
Der zweite typische Fehler ist die falsche Besetzung. Wer den direkten Vorgesetzten zum Mentor macht, verwechselt die Rollen. Zweifel äußert niemand gegenüber der Person, die ihn beurteilt.
Ein weiterer Fehler ist die Verwechslung von Mentoring mit Beurteilung. Sobald die neue Führungskraft den Eindruck bekommt, dass Gesprächsinhalte in ihre Bewertung einfließen, verstummt die Offenheit. Genau das soll es nicht sein. Vertraulichkeit ist keine nette Zugabe, sie ist die Bedingung, mit der Mentoring überhaupt funktioniert.
Fazit
Neue Führungskräfte scheitern selten an mangelndem Willen. Sie scheitern daran, dass sie in der heikelsten Phase ihrer Laufbahn niemanden haben, mit dem sie offen sprechen können. Mentoring schließt diese Lücke mit einfachen Mitteln: ein erfahrener Mensch, außerhalb der Berichtslinie, mit Zeit und ohne Bewertungsinteresse.
Im Contact-Center, wo Führungsqualität unmittelbar auf Teamleistung, Kundenzufriedenheit und Fluktuation durchschlägt, ist das keine Zusatzleistung, sondern eine Investition mit messbarer Rendite.
Wer viel Aufwand in Auswahl und Einarbeitung steckt, sollte den letzten Schritt nicht auslassen. Ein durchdachtes Mentoring kostet wenig und entscheidet oft darüber, ob aus einer vielversprechenden Besetzung eine tragfähige Führungskraft wird.
Sie führen gerade neue Teamleiterinnen und Teamleiter ein oder möchten Mentoring in Ihrem Contact-Center systematisch verankern?
Holm Czyborra
Senior Consultant der RUF Beratung
