Viele Führungskräfte im Contact-Center suchen nach dem einen richtigen Führungsstil. Sie fragen sich, ob sie eher fordernd oder nachsichtig, eher kontrollierend oder vertrauensvoll auftreten sollen. Doch die Frage ist falsch gestellt. Es gibt nicht den einen Stil, der für alle Mitarbeiter und alle Situationen funktioniert. Wer alle gleich behandelt, behandelt niemanden richtig.
Genau hier setzt das Prinzip der situativen Führung an. Es besagt, dass gute Führung nicht von einer starren Haltung der Führungskraft abhängt, sondern von der jeweiligen Person. Gerade im Contact-Center bestehen Teams überwiegend aus Berufseinsteigern, aber auch aus erfahrenen Servicekräften und wechselnden Aushilfen. Diese Anpassungsfähigkeit ist deshalb keine Kür, sondern eine Kernkompetenz.
Was situative Führung bedeutet
Die Grundidee geht auf das Reifegradmodell von Hersey und Blanchard zurück. Es beschreibt, dass die Führungskraft ihren Stil an den sogenannten Reifegrad des Mitarbeiters anpassen sollte. Reifegrad beschreibt dabei weder das Alter noch die Betriebszugehörigkeit, sondern zwei Dinge zugleich: das Können, also die fachliche Kompetenz für eine konkrete Aufgabe, und das Wollen, also die Motivation und Selbstsicherheit, sie eigenständig anzugehen.
Entscheidend ist, dass sich beide Faktoren nicht auf die Person als Ganzes beziehen, sondern immer auf eine bestimmte Aufgabe. Derselbe Mitarbeiter kann in der Standard-Bearbeitung längst souverän agieren, in der Beschwerdebearbeitung aber noch Führung und Anleitung brauchen. Situative Führung heißt deshalb, für jede Aufgabe und jede Person neu einzuschätzen, wie viel Anleitung und wie viel Freiraum angemessen sind.
Die vier Führungsstile im Überblick
Aus dem Zusammenspiel von Kompetenz und Motivation ergeben sich vier Führungsstile, die aufeinander aufbauen. Sie lassen sich gut auf den Contact-Center-Alltag übertragen.
- Dirigieren ist der richtige Stil für Mitarbeiter mit geringer Kompetenz, aber hoher Anfangsmotivation, etwa in den ersten Wochen. Hier gibt die Führungskraft klare Anweisungen, erklärt Prozesse Schritt für Schritt und kontrolliert eng. Das ist kein Misstrauen, sondern die notwendige Sicherheit, die Neueinsteiger brauchen, um nicht überfordert zu werden.
- Trainieren, auch Coachen genannt, passt zu Mitarbeitern, die bereits erste Kompetenz aufgebaut haben. Ihre anfängliche Begeisterung lässt jedoch nach, sobald die Aufgabe komplexer wird. Die Führungskraft leitet weiter an, erklärt jetzt aber stärker das Warum, holt Rückmeldung ein und stärkt das Selbstvertrauen. Führung und Beziehung stehen gleichzeitig im Vordergrund.
- Unterstützen ist angebracht, wenn die fachliche Kompetenz weitgehend vorhanden ist, es aber an Sicherheit oder Motivation fehlt. Hier tritt die Führungskraft mit Anweisungen zurück und rückt das Zuhören, Ermutigen und gemeinsame Entscheiden in den Mittelpunkt. Die Mitarbeiter können die Aufgabe, brauchen aber Rückhalt und das Gefühl, gehört zu werden.
- Delegieren schließlich ist der Stil für erfahrene, motivierte und selbstsichere Mitarbeiter. Die Führungskraft überträgt Verantwortung, gibt Ziele vor statt Wege und hält sich im Tagesgeschäft bewusst zurück. Wer diese Menschen eng kontrolliert, demotiviert sie und verschwendet die eigene Zeit.
Reifegrad im Contact Center richtig einschätzen
Die häufigste Ursache für Führungsfehler ist eine falsche Einschätzung des Reifegrads.
Zwei Muster treten dabei besonders oft auf. Zum einen werden erfahrene Leistungsträger weiterhin eng geführt, obwohl sie längst eigenständig arbeiten könnten. Das Ergebnis sind Demotivation und im schlimmsten Fall innere Kündigung sowie der Verlust genau der Mitarbeiter, die das Team am dringendsten braucht.
Zum anderen werden Neueinsteiger zu früh sich selbst überlassen, weil die Führungskraft Delegieren mit modernem Führungsstil verwechselt. Ohne klare Anleitung entstehen Fehler, Unsicherheit und Frustration, und die anfängliche Motivation verpufft. Beide Fehler haben dieselbe Wurzel: Die Führungskraft folgt ihrer eigenen Gewohnheit statt dem tatsächlichen Bedarf des Mitarbeiters.
Situative Führung im Alltag
In der Praxis bedeutet situative Führung, dass ein Teamleiter am selben Vormittag sehr unterschiedlich agiert. Beim neuen Kollegen hört er kurz in ein Gespräch hinein und gibt konkretes, schrittweises Feedback. Bei der erfahrenen Servicekraft, die gerade einen schwierigen Kunden hatte, fragt er nach, hört zu und stärkt den Rücken, ohne Vorgaben zu machen. Dem Leistungsträger überträgt er die Einarbeitung eines neuen Themas und hält sich anschließend heraus.
Wichtig ist, dass situative Führung nicht Willkür bedeutet. Die Führungskraft behandelt Menschen unterschiedlich, aber nicht ungerecht. Der Maßstab bleibt für alle transparent: Es geht darum, jedem die Art von Unterstützung zu geben, die er gerade braucht, um erfolgreich zu sein. Wer das offen kommuniziert, vermeidet den Eindruck von Bevorzugung.
Situative Führung ist damit auch anspruchsvoller als ein fester Stil. Sie verlangt Beobachtungsgabe, Gesprächsbereitschaft und die Fähigkeit, das eigene Verhalten bewusst zu steuern statt aus dem Bauch heraus zu reagieren. Diese Kompetenzen entstehen selten von allein. Sie lassen sich aber gezielt entwickeln.
Fazit
Der beste Führungsstil im Contact-Center ist der, der zur Person und zur Aufgabe passt. Wer alle Mitarbeiter gleich führt, überfordert die einen und bremst die anderen aus. Situative Führung ist die Antwort darauf: Sie verbindet Klarheit über den tatsächlichen Reifegrad mit der Bereitschaft, das eigene Verhalten flexibel anzupassen.
Das ist kein Zeichen von Beliebigkeit, sondern von Führungsstärke. Eine Führungskraft, die zwischen Dirigieren, Trainieren, Unterstützen und Delegieren souverän wechselt, holt aus einem heterogenen Team spürbar mehr heraus als eine, die stur an einem Stil festhält. Genau diese Flexibilität entscheidet im Contact-Center oft über Motivation, Leistung und Fluktuation.
Sie möchten die Führungskräfte in Ihrem Contact-Center dabei unterstützen, situativ und nachhaltig zu führen?
Holm Czyborra
Senior Consultant der RUF Beratung
